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Be My Eyes – Die App für den richtigen Durchblick

Das dänische Start-Up hat sich zum Ziel gesetzt mit einem relativ einfachen Tool blinden Menschen im alltäglichen Leben zu helfen – mit Erfolg

Caroline Deidenbach Be My Eyes

Startup Social InnovationGesellschaft San Francisco

Be My Eyes Logo

Die App des Start-Ups Be My Eyes hilft Blinden in ganz alltäglich Situation besser zurechtzukommen. Sie verbindet Blinde mit Sehenden, die durch die Videofunktion zu jeder Zeit zugeschaltet werden können - egal ob es um das Mindesthaltbarkeitsdatum geht oder die Frage nach der passenden Krawatte.

Be My Eyes

Hans Jørgen Wiberg

Hans Jørgen Wiberg; info@bemyeyes.com

2012

Market st 1155
San Francisco
USA

info@bemyeyes.com

Eigentlich wollte Hans Jørgen Wiberg Landwirt werden. Schon als Kind. Mit 25 Jahren – fast fertig mit allem, was er für seinen Wunschberuf brauchte – bekam er die Diagnose Retinitis Pigmentosa, auch bekannt als Tunnelblick. Die Krankheit führt dazu, dass die Netzhaut immer mehr abstirbt und sich das Sichtfeld verkleinert – am Ende sind die Betroffenen blind. Noch ist es nicht soweit bei Hans. Es ist ein schleichender Prozess. Aber er lässt sich davon nicht unterkriegen. Er wechselt das Fach, studiert Philosophie, heiratet und betreibt mit seiner Frau eine Firma, die alte Möbel restauriert. Nebenher arbeitet er als Berater für eine dänische Blindenvereinigung. Dabei kommt ihm 2012 eine Idee: Könnte man nicht eine App entwickeln, die Blinden im Alltag hilft?

Die Be My Eyes-App in Aktion.

Auf einem Wochenende für Start-Ups fand der 54-Jährige die passenden Mitstreiter und bis Ende 2013 schaffen sie es Stiftungsgelder in Höhe von 30.000 US-Dollar zu sammeln. Über ein Jahr entwickeln sie eine App, mit der Blinde bei ganz alltäglichen Problemen, wie „Ist die Milch noch haltbar?“ oder „Habe ich jetzt das richtige Programm der Waschmaschine eingeschaltet?“, Hilfe bekommen. Freiwillige können sich die App runterladen und bei einem Problem über die Videofunktion die Fragen beantworten. 2015 launchten die Dänen die App und mittlerweile gibt es 83.000 Nutzer und 1,4 Millionen Freiwillige, die die App installiert haben. Geholfen werden kann in 182 Sprachen. „Wir bieten eine neue Sprache erst an, wenn es mindestens 50 registrierte Helfer gibt, die sie als Muttersprache sprechen“, sagt Hans. So stellen sie sicher, dass es auch wirklich Hilfe gibt, wenn sie gebraucht wird. Die Freiwilligen geben immer eine Muttersprache an und, wenn vorhanden, eine zweite, die sie gut beherrschen. Sollte gerade niemand mit der passenden Muttersprache für den Blinden da sein, wird immer nach einem muttersprachlichen Helfer gesucht, der dem blinden in seiner zweiten Sprache matcht.

Angefangen hat das Team von Be My Eyes als Non-Profit-Unternehmen. Doch schnell war klar, dass sie mehr Geld brauchten. Weitere Fördergelder zu generieren, stelle sich jedoch als schwierig heraus. Also änderten sie ihren Status zu einem Full-Profit-Unternehmen und fanden Investoren, die das Projekt weiterfinanzierten. „Bis vor einigen Monaten hat die App immer noch keinen Gewinn abgeworfen“, sagt Hans. Doch seit Neuestem gibt es die Möglichkeit entweder einen freiwilligen Helfer oder einen spezialisierten Helfer anzufragen. „Spezialisierter Helfer steht für spezialisiert in einem bestimmten Bereich. Bisher konnten wir dafür den Support von Microsoft gewinnen. Hat ein Blinder ein Computer-Problem, kann er über Be My Eyes dort anrufen und sich helfen lassen“, sagt Hans. Microsoft zahlt dafür einen monatlichen Beitrag an Be My Eyes, denn durch die Videofunktion der App werden Probleme schneller erkannt und leichter behoben. Für die Nutzer bleibt alles kostenlos. In Zukunft würde Hans gerne mit Banken, weiteren Tech-Unternehmen, aber auch Haushaltswarenhersteller zusammenarbeiten, um weitere spezialisierte Hilfe zur Verfügung zu stellen.

Gründer Hans Jørgen Wiberg in seiner Möbel-Werkstatt.

Und wenn mitten in der Nacht Hilfe benötigt wird? „Die Helfer werde immer nur zwischen 8 Uhr morgens und 21 Uhr abends angeschrieben. Sollte jetzt eine blinde Person in Deutschland um drei Uhr morgens Hilfe benötigen, so wird jemand in einer anderen Zeitzone benachrichtigt“, erklärt Hans. Ein Sicherheitsproblem sieht er nicht. Die Blinden werden angehalten nie ihre Kreditkarte oder ihren Pass vor der Kamera zu zeigen. Genauso wenig sollte man die App nutzen, wenn man beispielsweise eine Straße überquert. Denn dem Helfer fehlt auch mit Kamera der Rundumblick und nur ein paar Sekunden Verzögerung können dann fatale Folgen haben. Außer mit Scherzbolden, die gar nicht blind waren und den Helfern Streiche gespielt haben, gab es bisher keine negativen Erfahrungen mit der App. „Eine sehr große Herausforderung ist immer noch die Blinden selbst zu erreichen. Wir sind ein Team von zehn Leuten und da ist es nicht so einfach Blindenorganisationen und Initiativen auf der ganzen Welt zu erreichen“, meint Hans. Einen großen Fortschritt haben sie im Oktober 2017 verzeichnet, als ihre App auch auf Android-Smartphones verfügbar wurde – was für eine steigende Nutzerzahl in Indien und Afrika gesorgt hat. Ein kleiner Haken an der Sache? Es gibt etwas, dass Hans und sein Team nicht beeinflussen können: die Internetverbindung. „Manchmal wollen die Leute gerne helfen, merken aber nicht, dass ihr Empfang nicht für eine Videoübertragung ausreicht“, sagt Hans. Aber dann steht meist schon die nächste Person bereit, die Anfrage entgegenzunehmen.

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