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System Entrepreneurship – Zeit umzudenken

Wie sich gesellschaftliche Missstände nicht nur vermindern, sondern beheben lassen.

Christoph Eipert Deva Darshan

DesignGesellschaftSocial Innovation

Es könnte alles so schön sein: Fossile Brennstoffe liefern uns die Energie für grenzenlose Mobilität, Konzerne mit neunstelligen Gewinnsummen schaffen, dank stetig steigender Produktion, mehr und mehr Arbeitsplätze und sorgen so für Wohlstand und unser tägliches Wohlergehen. Doch der Konjunktiv ist verräterisch: denn die Wahrheit – das heißt die Welt in der wir leben – sieht anders aus. Der Abbau von Braunkohle und Erdöl zerstört uralte Infrastrukturen von Mensch und Natur und der Aberglaube von der Notwendigkeit eines über allen Dingen stehenden Wirtschaftswachstums, bringt die ökologischen, ökonomischen und sozialen Strukturen, in denen wir leben, ins Schwanken. 

Ein Fehler im System

System

Das Wort «System» (griechisch: «systema» bedeutet «aus Teilen Zusammengesetztes») und beschreibt ein strukturiertes Ganzes, wie etwa den Kosmos, Organismen aber auch politisch-soziale Gebilde sowie kognitive Konstruktionen wie eine Theorie oder eine Philosophie.

Erneuern und reproduzieren Systeme sich und ihre Grenzen eigenständig, sind sie autopoietisch. Können sie es nicht, werden sie als allopoietisch bezeichnet. Neben dem Konzept von Element (Mensch, Start-Up, etc.) und Beziehung gewinnt die Unterscheidung zwischen System und Umwelt und deren zunehmend verschwimmenden Grenzen immer mehr an Bedeutung (z.B. das Verhältnis zwischen Mensch und Technik). 

Diese Strukturen bestehen aus wechselseitigen, voneinander abhängigen Beziehungen verschiedener Elemente, aus deren Art der Verknüpfung bestimmte Regeln, Normen und Prinzipien resultieren und letztlich ein System bilden. Systeme bergen also die Gefahr selbst fehlerhaft zu sein oder Fehlverhalten zu ermöglichen, was wiederum anderen Elementen des gleichen oder eines verknüpften Systems schadet. So wurden beispielsweise Finanzsysteme vermeintlich immer effizienter, was jedoch daran lag, dass sie sich durch Spekulationen immer mehr von der Realwirtschaft lösten und mittlerweile viel mehr eine Gefahr für unser Wirtschaftssystem darstellen, als zu dessen nachhaltiger Existenz beizutragen. 

 

„We can define systemic innovation as an interconnected set of innovations, where each influences the other, with innovation both in the parts of the system and in the ways in which they interconnect.”

Geoff Mulgan & Charlie Leadbeater
 

Das große Ganze

Zugegeben, neu ist das nicht. Außerdem haben Social Entrepreneure unzählige Tools und Konzepte entwickelt, die derartiges Fehlverhalten beheben sollen, indem sie etwa die Effizienz von Elektromotoren steigern, Altes zu Neuem upcyclen oder eben nachhaltige Banken gründen. Das ist wichtig und richtig, vor allem aber schwierig. Denn will ein Social-Startup innerhalb eines Systems einen Social Impact erzeugen, gelingt das meist nur, indem man ein Projekt skaliert. Doch ein Skaleneffekt lässt oft lange auf sich warten, da das dazu nötige Kapital erstmal verdient werden muss und selbst danach der Einfluss des jeweiligen Produkts oder Dienstleistung sich auf das unmittelbare Umfeld des Start-Ups beschränkt. Das liegt mitunter daran, dass ein Blick für das große Ganze dem Fokus auf dem Erfolg des eigenen Unternehmens zum Opfer fällt oder ein Social Impact nicht über die Unternehmensgrenzen hinausgeht, da es keine Wirkung auf andere Elemente eines Systems besitzt. Problematisch ist also: so gut ein Social-Startup auch agiert, es lindert oft nur die Folgen, heißt, die Symptome eines systembezogenem Fehlverhaltens, nicht aber dessen Ursachen.

Was also tun? Eine Antwort liegt in der Generierung eines „System Change“. Er umfasst eine Änderung oder Neuschaffung von Interaktionsmustern, also der Zusammensetzung des Systems an sich, sowie der Art und Weise wie seine einzelnen Bestandteile darin miteinander kommunizieren. Erreicht werden kann das vor allem mit einer Reihe von Innovationen, die sich auf alle Bestandteile eines Systems auswirken, sie gegenseitig beeinflussen und langfristig ihre Regeln, Normen und Werte so gestalten, dass sie mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit vereinbar und funktionstüchtig sind. 

Ein System Change umfasst die Änderung oder Neuschaffung der Zusammensetzung eines Systems an sich. Fotocredit: William Bout

Eine neue Generation

Um dieses Ziel zu erreichen, kommt „System Entrepreneurship“ ins Spiel. Dafür arbeiten System Entrepreneure aktiv daran, Paradigmen in verschiedenen Bereichen sozialer Systeme – wie Politik, Kultur und Wirtschaft – so zu verändern, dass gesellschaftliche Innovationen langanhaltend und systemisch übergreifend etabliert werden. Vorweg: das schließt die Entwicklungen von nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen nicht aus, vor allem dann nicht, wenn sie ein Mittel zum systemischen Zweck sind, denn sie können einen umfassenden Impact auf andere Systemelemente erzielen und so grundlegende, normative Strukturen eines Systems zum Positiven verändern. Wenn zum Beispiel ein Elektroauto nicht nur zur Reduzierung des Schadstoffausstoßes beiträgt, sondern mithilfe einer zusätzlich integrierten und simplen Handy-App zum Mietwagen, zur Mitfahrgelegenheit oder sogar zu einer autarken Stromquelle wird, verändert das die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Interaktionen eines Systems, indem vorhanden Akteure ihre Rollen tauschen oder neue einnehmen und damit die Chance entsteht, fehlerhafte Systemstrukturen in Hinsicht auf Mobilität, Energiewirtschaft und deren politischen Gestaltung grundlegend neu zu gestalten.

Aber welche Qualitäten werden benötigt, um gesellschaftliche Bereiche in einem Ausmaß zu verändern, das über die Reichweite einer einzigen Organisation hinausgeht? Die Bewegungen aufbauen können und alle betroffenen Stakeholder erfolgreich in kollaboratives Handeln einbinden? Die nächsten Schritte sollen eine Antwort auf diese Frage liefern und die entscheidenden Säulen des System Entrepreneurships deutlich machen. 

Erstens: Die eigenen Potentiale kennen

Essentiell ist, von Beginn an zu klären, ob das eigene Vorhaben überhaupt das Potential besitzt, ein Türöffner zum Systemwandel zu sein. Um das zu checken, sollte man sich folgende Fragen stellen:

 

Dazu gehört auch, die Art des anvisierten Systems zu bestimmen. Nur so lässt sich erkennen, ob ein hypothetisches Potential auch in der Realität Bestand hat. Denn es ist nicht unwichtig, ob ein System komplex oder einfach, geschlossen oder offen, lebend oder mechanisch ist. So kann eine neue Technologie mit einer guten Idee in der Realität trotzdem scheitern, da sie aufgrund der Geschlossenheit eines Systems von außen keine Innovative Wirkung entfaltet, da die für den Systembeitritt benötigte Infrastruktur nicht vorhanden ist und für ihren Aufbau die finanziellen Mittel fehlen. Währenddessen können andere Ideen sich zwar an bestehenden Infrastrukturen bedienen, laufen aber dort möglicherweise Gefahr, aufgrund mangelnden Know-hows, die Situation eines komplexen Systems nicht ausreichend analysieren und steuern zu können und somit wichtige Faktoren wie eine Marktakzeptanz zu gering ausfallen.

Indikatoren für die Veränderungen eines Systems

Zweitens: Die Umwelt und sich selbst reflektieren

Ein System zu verändern oder neu zu etablieren bedeutet auch, eigene Denkmuster und die des Systemumfelds zu durchbrechen, um Platz zur Selbstreflexion und Toleranz für Neues zu schaffen. Kein leichtes Unterfangen. Wir werden in Systeme hineingeboren: ganz gleich ob Kapitalismus oder parlamentarische Demokratie, Bildungssysteme und Industrien – sie werden über Generationen weitergegeben und ihr Narrativ nicht weiter hinterfragt. Nur, anthropogene Systemmechanismen sind keine in Stein gemeißelten Naturgesetze. Wer Denkmuster durchbrechen will, muss zunächst mit den eigenen beginnen. Das funktioniert indem System Entrepreneure mit dem geistigen Auge über die Grenzen eines Systems hinausgehen. Nur so lässt es sich auch als Ganzes sehen, als Ganzes verstehen und mit Alternativen vergleichen. Ein Blick in die Geschichte, also auf die Ursachen zur Entstehung von Systemstrukturen ist ein geeignetes Mittel dafür. Solch eine Reflexion zeigt, dass Systeme endlich sind, indem sie an den Beginn – folglich an die Grenze eines Systems –  geht und so zugleich die Möglichkeit liefert, anhand einer Vorher-Nachher-Sichtweise, Strukturen leichter nach Moral und Zweckmäßigkeit zu bewerten.

Die richtige Denkweise ist entscheidend für die Arbeit als System Entrepreneur.

Nicht minder wichtig ist die Reflexion des eigenen Verhaltens in einem System. Nur wer bereit ist, seinen eigenen Ansichten den Spiegel vorzuhalten, ist auch bereit andere Sichtweisen zuzulassen und sie gemeinsam zu diskutieren. Eine tiefe, gemeinsame Reflexion ist ein entscheidender Schritt, um Gruppen von Organisationen und Einzelpersonen in die Lage zu versetzen, einen Standpunkt zu "hören", der sich von ihrem eigenen unterscheidet, und die Realität des jeweils anderen emotional und kognitiv zu schätzen. Dies ist ein fundamentaler Weg, um Vertrauen aufzubauen, wo Misstrauen vorherrschte, und um kollektive Kreativität zu fördern. Dabei ist es die Aufgabe von System Entrepreneuren aus vagen Absichten konkrete Ziele und Visionen zu formulieren und aus dem Spannungsverhältnis mit der Realität neue nachhaltige Ansätze zu schaffen.

Drittens: Einen gemeinsamen Raum schaffen

Sind nach Analyse und Reflexion, die Ziele und Visionen des eigenen Vorhabens festgelegt, kommt es nun darauf an, einen Raum für dessen Umsetzung zu schaffen. Dafür ist der Aufbau einer Infrastruktur ein wesentlicher Bestandteil des System Entrepreneurships. Vor allem deshalb, da sie eines ermöglicht: Kollaborationen – die Zusammenarbeit aller Stakeholder eines Systemwandels zugunsten eines gemeinsamen, nachhaltigen Ziels. Es sollte klar sein, dass sich ein Systemwandel kaum alleine bewältigen lässt. Das liegt im Wesentlichen daran, dass ein einzelner Akteur – wie etwa ein Social-Startup – kaum in der Lage ist, das dazu notwendige Spektrum an Fähigkeiten und Mitteln allein abzudecken. System Entrepreneurship beinhaltet demnach immer Allianzen aus verschieden Co-Innovatoren und Distributoren, die eine gemeinsam entwickelte Innovation systemisch etablieren.

Ein Merkmal für ein erfolgreiches System Entrepreneurs ist demnach die Schaffung einer optimalen Konstellation der am Wandel beteiligten Akteure. Dazu benötigt es Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, branchen-, kultur- und perspektivübergreifend zu übersetzen, Beziehungen aufzubauen und Workshops und Veranstaltungen zur Unterstützung des Veränderungsprozesses zu konzipieren und zu moderieren. Das alles mit dem Ziel ein möglichst breites Publikum in den Wandel einzubinden. 

Viertens: Mit den richtigen Tools ein Systemwandel steuern

Soweit so gut, doch geht es um die konkrete Umsetzung, stellt sich leicht die Frage: Welche Tools eignen sich am besten? Und nach welchem sollte vorgegangen werden? Eine einheitliche Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die Wahl einer der unzähligen Methoden und Ansätze ist abhängig von Merkmalen wie Art, Alter und Größe eines Systems. Etabliert haben sich aber unter anderem: Theory U, Collective Impact oder Change Labs. Ein Werkzeug, das oft sehr hilfreich ist, ist zudem das sogenannte Mapping. Hierbei werden die Hauptakteure eines Systems und ihre Beziehungen zueinander illustriert. Das kann helfen, Systeme besser zu verstehen, indem sie in einfacher Form dargestellt, beschrieben, und für weitere Überlegungen, dokumentiert werden. Letztlich bildet der Prozess des Mappings, durch seinen kollaborativen Gestaltungsprozess an sich, eine Plattform zur gemeinsamen Reflexion und Analyse.

Die Methodik des Mappings kann Startpunkt von Analyse, Reflexion und Koalitionsbildung sein.
(Hier nach dem Panarchy-Modell)

Beim Steuern, das heißt dem Anwenden von Tools und Werkzeugen gibt es zwei essentielle Herausforderungen. Zum einem ist der Ausgang eines Systemwandels, aufgrund mangelnder Erfahrungswerte, oft ungewiss, zum anderen sind Lern -und Steuerungsprozesse oft verschieden und komplex. Für den Bruch mit dem Status Quo eignet sich etwa eine Führungspersönlichkeit, die wie ein Pirat eine Crew anführt und Schlachtzüge von den Seitenrändern eines Systems startet, während der Aufbau von Allianzen jedoch eine Führungspersönlichkeit erfordert, die eher einem Gemeinschaftsorganisator gleicht.

Fünftens: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein

Donella Meadows
Dr. Donella Hager Meadows (*1941 – †2001) war eine US-amerikanische Umwelt -und System- wissenschaftlerin. Bekannt wurde sie als Co-Autorin der Studie “The Limits to Growth“ über die Zukunft der Weltwirtschaft.

Systeme sind immer mehrdimensional. Unabhängig davon, ob es sich um abstrakte oder konkret greifbare Strukturen handelt — Raum und Zeit spielen bei ihrer Zusammensetzung eine wesentliche Rolle. Umso einleuchtender scheint es, diese beiden Parameter in das eigene Handeln einzubeziehen. Kurzum: wer einen Systemwandel erfolgreich umsetzen will, muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Dafür identifizierte Donella Meadows, eine der einflussreichsten Mitbegründerinnen der Systemtheorie, konkrete Punkte, die eine größtmögliche Hebelwirkung versprechen – die sogenannten Leverage Points (eng.: „leverage“= deutsch: Hebelwirkung). Das Prinzip dahinter ist, Orte in einem System zu definieren, deren minimale Veränderung zu einem größtmöglichen Wandel im Systemverhalten führt.

Systematiken wie „Twelve Leverage Points“ nach Donella Meadows bieten — besonders für komplexe Systeme — eine gute Orientierung.

Ein Wirkungsmaximum wird am besten erzielt, sobald sich ein System im Umschwung befindet. Vollzieht ein System etwa den Übergang von Aufschwang zu Abschwung, werden feste und resistente Strukturen durch deren Umorientierung elastischer und offener für neue Ansätze. Demnach ist es die Aufgabe eines System Entrepreneurs herauszufinden, wann sich Bedürfnisse und Wünsche in einem System ändern, um dann adäquate Vorschläge zu deren Erfüllung vorschlagen zu können. 

Wenn Kinder zu Finanzprofis werden 

Ein Beispiel dafür wie System Entrepreneurship gelingt, liefert das Projekt Child & Youth Finance International (CYFI). Dahinter steckt die Idee, Kinder und Jugendliche von acht bis 24 Jahren, aus prekären Lebensverhältnissen mit Bildungsinhalten über Finanz -und Wirtschaftssysteme zu versorgen. Die in Amsterdam ansässige und 2011 gegründete NGO verfolgt die Vision, jungen Menschen eine bessere Lebensgrundlage zu gewähren, indem sie lernen, wie sie Zugang zu finanziellen Mitteln bekommen, eigenes Geld sparen und es in ihre Zukunft investieren können.

Dafür will CYFI, in nationalen Systemen, bildungs -und finanzpolitische Normen, zusammen mit relevanten Systemakteuren, nachhaltig verändern. Das Projekt übernimmt dabei die Rolle des Change Leaders und ist damit Befürworter, Experte und Netzwerker zugleich. Operativ erfordert das vor allem: die Schaffung eines Problembewusstseins, das Generieren und Teilen von relevantem Wissen sowie den Aufbau von Allianzen. Letzteres lässt sich auch durch konkrete Zahlen belegen. Mittlerweile zählen in über 130 Ländern mehr als 1.000 Partner – bestehend unter anderem aus Regierungen, Zentralbanken und weiteren Finanzinstituten – zu einem Netzwerk, das mehr als 36 Millionen Kinder und Jugendliche erreicht.

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